Könnten heute wieder Wölfe bei uns leben?

„Wo der Wolf läuft, wächst der Wald“, besagt ein russisches Sprichwort. Würde der Wolf noch in unseren Wäldern leben, gäbe es weniger Rehe und Hirsche, der Wald aber könnte natürlich wachsen. Zudem bekäme er auch noch einen Hauch von Abenteuer zurück, der uns allen in unserer so wohlgeordneten Welt fehlt. Man stelle sich nur einmal vor, welch ein Erlebnis es wäre, in kalter Winternacht in unseren Wäldern wieder Wölfe heulen zu hören oder im Sommer auf eine Kinderstube der Welpen zu stoßen!

Natürlich werden uns die Wölfe nicht auffressen,wenn sie wiederkommen. Dafür haben sie aus alter Erfahrung viel zu viel Angst vor den Menschen. Weil sie so scheu sind, ziehen die Wölfe ein Leben im tiefen Wald •dem in der offenen Landschaft vor. So würde man sie, wenn man Glück hat, höchstens von weitem vorbeihuschen sehen. Auch das Vieh würden sie kaum angreifen, denn unsere Kühe, Pferde und Schafe werden nicht wie früher zum Weiden in den Wald geschickt, sondern fast nur noch auf hofnahen Koppeln oder in Ställen gehalten.

Wie schön wäre es, wenn in den Waldgebieten, wo der Wolf wieder leben würde, auch Luchs und Bär ihre Spuren ziehen könnten! Den Luchs versucht man deshalb schon hier und da wieder einzubürgern. Beim Bären überlegt man noch, wo er leben könnte und wie er dort wieder hinkommen soll. Beim Wolf aber muss man gar nichts machen: Er kommt von ganz alleine.
Wollen das die Menschen aber überhaupt? Mit dem großen Bären können sich viele abfinden, weil er so rund und tapsig ist. Dabei ist gerade er unter den dreien der gefährlichste. Dagegen versetzt der völlig ungefährliche kleine Luchs noch viele Menschen in Angst und Schrecken. Und dann erst der Wolf!

Dann sind da die Schäfer, die zu Recht damit rechnen müssen, dass in entlegenen Gebieten einige Schafe gerissen werden und die deshalb gegen die Wiederkehr des Wolfes sind. Das ist verständlich, auch wenn Versuche in Schweden und Italien gezeigt haben, dass Elektrozäune, wie sie auch bei uns üblich sind, ein hervorragender Schutz gegen Wölfe sind. Haben sie erst einmal einen Schlag bekommen, meiden sie fortan jeden Zaun und erst Recht die Tiere dahinter.

Schließlich sind da die Jäger, die um „ihr“ Wild fürchten. Doch Reh und Hirsch gehören niemandem und niemand hat daher das Recht, das Wild für sich allein in Anspruch zu nehmen. Dennoch ist es der Jäger, der darüber entscheidet, ob der Wolf – und auch der Bär und der Luchs – bei uns leben dürfen oder nicht. Denn er sitzt buchstäblich am Hebel, am Auslöser seines Gewehrs. Lässt er den Finger gerade, wie es das Gesetz zum Schutz dieser Tiere verlangt, haben die Beutetiere eine Chance. Kümmert er sich nicht darum und schießt, wird es keiner der drei schaffen.

Mögliche Lebensräume in Europa –  Als zukünftiger Lebensraum für Wölfe kommen bei uns nur große geschlossene Waldgebiete in Frage, wie es sie noch in Brandenburg, in den Mittelgebirgen und in den Alpen gibt. Allein der Bayerische Wald ist mit über 2000 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Waldgebiet in Mitteleuropa. Mit dem Böhmerwald in Tschechien und dem Waldviertel in Österreich sowie mit dem Fichtel-, dem Erz- und dem Riesengebirge zusammen ergäbe sich ein ausreichend großer Lebensraum für einige Wolfsrudel.
Über die Karpaten hätten sie Verbindung an die heutigen Wolfsbestände in Osteuropa und über die Alpen zu denen in Frankreich, Italien und dem ehemaligen Jugoslawien bis hinunter nach Griechenland.
Die Pfeile zeigen die Ausbreitungstendenz der Wölfe in Europa heute. Bevorzugte Ziele sind große, geschlossene Wälder mit viel Wild, wie sie für Mittelschweden oder bei uns in den Mittelgebirgen und den Alpen typisch sind.

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